Die Schweizer Wirtschaft steht vor einer tiefgreifenden Herausforderung: Trotz sinkender Zinsen und einer seit Jahren anhaltenden Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) bleiben die Mietpreise in den Ballungsräumen stabil – und in einigen Fällen sogar im Aufwärtstrend. Besonders betroffen sind Städte wie Zürich, Genf und Basel, wo die Inflation der Wohnkosten seit Jahren über dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft liegt. Die Frage ist nicht mehr, ob die Preise steigen, sondern wie die Politik und die Gesellschaft damit umgehen können, bevor die soziale Spaltung weiter verschärft wird.
Laut dem Schweizerischen Mieterverein stiegen die Mietpreise in den letzten fünf Jahren in der Schweiz um durchschnittlich 5,2 Prozent pro Jahr – ein Tempo, das deutlich über der allgemeinen Inflation von 1,8 Prozent liegt. Besonders stark sind die Mieten in den Hochpreisregionen: In Zürich kostete ein Quadratmeter Wohnfläche im Jahr 2023 im Schnitt rund 14,50 Franken, während in Genf die Preise bei 12,80 Franken lagen. Zum Vergleich: In der ganzen Schweiz lag der Durchschnitt bei 9,50 Franken pro Quadratmeter. Diese Disparitäten zeigen, dass die Krise nicht nur eine lokale, sondern eine strukturelle Herausforderung ist.
Warum steigen die Mieten trotz Zinswende?
Die SNB hat die Zinsen seit 2022 mehrmals gesenkt, um die Wirtschaft zu entlasten und die Inflation zu bekämpfen. Doch dieser Schritt hat kaum Auswirkungen auf die Mietpreise gehabt. Ein Grund dafür ist die knappe Wohnungsbestand: Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) gibt es in der Schweiz nur etwa 10’000 neue Wohnungen pro Jahr, während jährlich rund 20’000 Leerstände gemeldet werden. Besonders in den Städten fehlt es an bezahlbarem Wohnraum, was die Nachfrage nach teuren Lagen weiter treibt. Zudem profitieren Investoren von der stetigen Nachfrage, die sie in teure Objekte stecken.
Ein weiterer Faktor ist die fehlende politische Regulierung. Während Länder wie Deutschland oder Frankreich gezielt Mietpreisbremse und Bauvorschriften eingeführt haben, bleibt die Schweiz weitgehend regierungslos. Die letzte Mietpreisbremse, die 2011 eingeführt wurde, gilt nur in bestimmten Kantonen und ist stark eingeschränkt. Erst im Mai 2024 hat der Bundesrat eine neue Mietpreisbremse für neue Mietverträge in den Kantonen Zürich, Genf und Basel-Stadt beschlossen, doch ihre Wirkung wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.
Die Folgen für Mieter und Wirtschaft
Die steigenden Mieten belasten vor allem Geringverdiener und Familien. Laut einer Studie des Schweizerischen Volkswirtschaftsinstituts (SVI) von 2023 können sich nur noch 33 Prozent der Haushalte in der Schweiz eine Wohnung im eigenen Haushalt leisten. Besonders betroffen sind Studierende, junge Familien und Rentner, die mit den steigenden Kosten kaum noch klarkommen. Die soziale Ungleichheit steigt, und die politische Debatte über bezahlbaren Wohnraum wird immer heißer.
Doch die Mietkrise hat auch wirtschaftliche Folgen. Viele Unternehmen können sich die hohen Mieten nicht mehr leisten, was zu Standortverlusten und Jobabbau führen kann. Besonders betroffen sind Start-ups und kleine Unternehmen in den Städten, die oft in teuren Büros untergebracht sind. Die SNB selbst warnt vor einer möglichen “Wohnungskrise”, die die wirtschaftliche Stabilität gefährden könnte.
- Laut BFS fehlt in der Schweiz seit Jahren ein Mangel an bezahlbarem Wohnraum – trotz sinkender Zinsen.
- In Zürich kostete ein Quadratmeter Wohnfläche 2023 im Schnitt 14,50 Franken (Durchschnitt: 9,50 Franken).
- Die Mietpreise stiegen in den letzten fünf Jahren um durchschnittlich 5,2 Prozent pro Jahr.
- Nur etwa 10’000 neue Wohnungen werden jährlich gebaut, während jährlich 20’000 Leerstände gemeldet werden.
- Die neue Mietpreisbremse für neue Verträge in drei Kantonen wird erst 2025 voll wirken.
Was könnte die Lage verbessern?
Ein erster Schritt wäre eine strengere Regulierung der Mietpreise und eine Beschleunigung des Wohnungsbaus. Die Schweiz müsste mehr investieren in bezahlbaren Wohnraum, besonders in den Ballungsräumen. Zudem wäre eine bessere Koordination zwischen Kantonen und Gemeinden nötig, um die Bauvorschriften zu vereinheitlichen und die Bürokratie zu reduzieren. Eine staatliche Förderung für Mieter, die sich die hohen Mieten nicht leisten können, könnte ebenfalls helfen.
Langfristig müsste die Politik über eine grundlegende Reform der Wohnungsmarktpolitik nachdenken. Eine mögliche Lösung wäre eine stärkere Steuerung der Immobilienmärkte, ähnlich wie in den Niederlanden oder Dänemark, wo staatliche Eingriffe die Preise kontrollieren. Doch selbst wenn solche Maßnahmen ergriffen würden, wäre eine schnelle Wirkung unwahrscheinlich – die Krise ist tief verwurzelt und erfordert Geduld und Konsequenz.